Kulturstreit im HKW: Warum Chefkets abgesagtes Konzert Berlin spaltet
Joseph HölzenbecherKulturstreit im HKW: Warum Chefkets abgesagtes Konzert Berlin spaltet
Das Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin steht im Zentrum einer wachsenden Kontroverse. Die Absage eines Konzerts des schwäbischen Rappers Chefket nach politischem Druck hat die Debatte über kulturelle Freiheit und staatlichen Einfluss neu entfacht. Die Affäre trifft die unter der Leitung des kamerunischen Intendanten Bonaventure Soh Bejeng Ndikung stehende Institution zu einem Zeitpunkt, an dem sie bereits wegen ihrer programmatischen Ausrichtung in der Kritik stand.
Der Streit eskalierte, als Chefkets Auftritt kurzfristig abgesagt wurde. Kulturminister Wolfram Weimer griff ein, nachdem der Rapper bei einem Auftritt zum Jahrestag eines Hamas-Angriffs ein T-Shirt mit der Aufschrift "Palästina" trug – verziert mit arabischer Kalligrafie und einer Umrisskarte Israels. Die Entscheidung löste umgehend Proteste aus: Aus Solidarität sagten alle anderen deutschen Künstler ihre Auftritte im HKW ab.
Das HKW, nur wenige Schritte vom Kanzleramt entfernt, wurde trotz seiner internationalen Strahlkraft von der Bundespolitik lange vernachlässigt. Regelmäßig gastieren dort weltbekannte Künstler, darunter kürzlich der haitianische Saxophonist Jowee Omicil. Doch unter Ndikungs Führung – erstmals wird eine große deutsche Kultureinrichtung vollständig von People of Color geleitet – sorgt der "postkoloniale" Schwerpunkt für Kritik aus Teilen der deutschen Kunstszene.
Frühere Versuche, das Haus stärker in den Fokus zu rücken, wie die geplante Ausstellung "Die Möglichkeit des Unvernunft" des TV-Satirikers Jan Böhmermann, scheiterten an mangelnder Resonanz. Die aktuelle Krise hat den internationalen Ruf des HKW weiter beschädigt. Beobachter werten den Streit als Ablenkung von den eigentlichen Problemen; manche argumentieren, der Nahostkonflikt lasse sich kaum durch Debatten über deutsche Rapper lösen.
Der aktuelle Konflikt spiegelt einen grundlegenden Wandel in der Kulturpolitik wider. Zwischen 2021 und 2026 dominierten Diskussionen über Kürzungen von Fördergeldern, ideologische Grabenkämpfe – etwa um "Woke"-Kontroversen – und die Unabhängigkeit von Institutionen. Frühere Skandale wie die #MeToo-Fälle zwischen 2018 und 2020 am Berliner Schauspielhaus und der Schaubühne betrafen vor allem individuelles Fehlverhalten, nicht aber systemische Versäumnisse der Kulturpolitik.
Die Absage von Chefkets Konzert hat das HKW isoliert zurückgelassen – kein deutscher Künstler ist mehr bereit, dort aufzutreten. Der Vorfall offenbart tiefe Gräben in Fragen der Kulturpolitik, künstlerischen Freiheit und politischen Einmischung. Unterdessen leidet der internationale Ruf der Einrichtung weiter unter den Folgen der Affäre.






